Sind E-Voting–Resultate überprüfbar?

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Sind E-Voting–Resultate überprüfbar? 11.06.2018

E-Voting ermöglicht den Stimmberechtigten als dritter Kanal, auf elektronischem Weg jederzeit und von überall her abzustimmen und zu wählen. Dank der universellen Verifizierbarkeit haben die Stimmenden und die Wahlbehörden jederzeit die volle Kontrolle über die abgegebenen Stimmen und können Manipulationen zweifelsfrei erkennen.

E-Voting wird vorgeworfen, intransparent und nicht nachvollziehbar zu sein, was Tür und Tor für unbemerkte Manipulationen öffne. Im Gegensatz zum physischen Urnengang seien Nachzählungen nicht möglich. Deshalb sei nur schon ein allfälliger Zweifel an den Ergebnissen schädlich für die Demokratie. Aber sind die Ergebnisse bei E-Voting wirklich nicht nachvollzieh- und überprüfbar?

Jedes sichere Abstimmungs- und Wahlverfahren, egal ob physisch oder digital, muss neben der Gewährleistung des Stimmgeheimnisses folgende Bedingungen erfüllen:

  • Das Verfahren muss sicherstellen, dass nur Stimmberechtigte abstimmen.
  • Das Verfahren muss den Aufwand und die Kosten für Manipulationen maximieren und sieentdecken können, wenn sie trotz Sicherheitshürden erfolgen.
  • Das Verfahren muss ein korrektes Resultat ermitteln.
  • Das Verfahren muss eine Nachzählung ermöglichen bei Verdacht auf Unregelmässigkeiten.

Auch E-Voting-Systeme, die das Abstimmen und Wählen über das Internet ermöglichen, müssen diese Anforderungen erfüllen. Und sie sind mit den heutigen Technologien auch erfüllbar. Man spricht dabei von der sogenannten universellen Verifizierbarkeit eines E-Voting-Systems. Die universelle Verifizierbarkeit gewährleistet, dass die Öffentlichkeit Fehler oder Manipulationen im gesamten Wahl- oder Abstimmungsablauf zweifelsfrei erkennen kann.

Digitale Wahlbeobachter überwachen elektronische Urne und die Auszählung

Die Auszählung in einem E-Voting-System ist vergleichbar mit der Auszählung bei einem klassischen Urnengang. Allerdings wird sie nicht von Menschen, sondern von Maschinen durchgeführt. Deshalb muss jeder Schritt mit Hilfe digitaler Signaturen und kryptografischer Beweise protokolliert werden, damit Menschen die Vorgänge und Resultate überwachen können.

In der elektronischen Urne finden verschiedene digitale Prozesse statt. Dabei geht es vereinfacht gesagt um zwei Dinge: Einerseits wird jede theoretisch mögliche Verbindung zwischen der Identität des Wählers und seinem digitalen Stimmzettel gebrochen. Dabei werden die Stimmen von den ohnehin bereits anonymisierten Wähler-Identitäten separiert und ihre Reihenfolge zufällig vermischt. Andererseits werden bei der Öffnung der Urne am Wahltag die Stimmen entschlüsselt und ausgezählt.

Isolierte Systemteile, sogenannte Kontrollkomponenten, überwachen diese digitalen Prozesse. Die Kontrollkomponenten entsprechen digitalen Wahlbeobachtern. Manipulationen würden sie protokollieren und der Wahlkommission melden, die im Auftrag der Behörden die Verantwortung für einen Urnengang trägt. Sie erzeugen bei jeder Aktivität in der Urne einen kryptographischen Beweis. Fehler oder Manipulationen können so im Nachhinein eindeutig erkannt werden. Sind alle kryptographischen Beweise korrekt, belegt dies im Umkehrschluss die Korrektheit des Ergebnisses.

Wie kann die Öffentlichkeit Wahlresultate überprüfen?

Eine wichtige Herausforderung bei E-Voting ist das Ausräumen von Zweifeln, dass die Ergebnisse manipuliert wurden. Um die Akzeptanz des Wahlergebnisses zu ermöglichen, ist die Verifizierung der Beweise fester Bestandteil der offiziellen Auszählprozedur.

Für die Überprüfung der kryptographischen Beweise muss eine Software zur Verfügung stehen, deren Quellcode von unabhängigen Experten überprüft werden kann und die auf unabhängigen Computern ohne Internetverbindung läuft. Mit der Software wird überprüft, ob es in der Urne oder bei der Auszählung Manipulationen gegeben hat.

Es ist wichtig, dass die Überprüfung der kryptographischen Beweise von – in den Augen der Stimmberechtigten – vertrauenswürdigen Personen durchgeführt wird und die Durchführung auch durch unabhängige Institutionen möglich ist. Nach Abschluss der Verifizierung wird das Wahlergebnis der Öffentlichkeit kommuniziert. Hat die Verifizierung Unstimmigkeiten ergeben, wird eine Untersuchung eingeleitet.

Was passiert, wenn doch eine Manipulation entdeckt wird?

Eine totale Sicherheit gibt es nicht, und Manipulationsversuche können nicht grundsätzlich ausgeschlossen werden. Die Erfahrungen mit Betrugsversuchen bei der Brief- oder Urnenwahl zeigt, dass dies für alle Wahlverfahren gilt. Beim E-Voting verhindert die universelle Verifizierbarkeit eines Systems nicht, dass Manipulationen theoretisch eintreten können, sie stellt aber sicher, dass sie auf jeden Fall bemerkt werden.

Würden nun die digitalen Wahlbeobachter Unregelmässigkeiten in den kryptographischen Beweisen melden, würde die Wahlkommission eine Untersuchung einleiten. Abstimmungsverlierer hätten die Möglichkeit, das Ergebnis auf der Basis solcher Unregelmässigkeiten anzufechten. Ein Gericht müsste dann – so wie heute bereits für physische Urnengänge – entscheiden, ob es die Anfechtung gutheisst und welche Massnahmen abzuleiten sind. Als Ultima Ratio müsste der Wahlgang wiederholt werden.

Die beiden Systemanbieter in der Schweiz – die Schweizerische Post und der Kanton Genf – haben beide angekündigt, die universelle Verifizierbarkeit bis spätestens 2019 umzusetzen. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass ein Kanton E-Voting-Systeme der ganzen Bevölkerung und nicht nur einem Teil anbieten kann.

Fazit

Auch wenn die digitalen Wahlprozesse durch den Menschen nicht direkt beobachtbar sind, können wir sie mit Kontrollkomponenten beobachten und allfällige Unregelmässigkeiten zweifelsfrei mathematisch beweisen. Die generierten Beweise können die Wahlkommission und unabhängige Institutionen nach der Auszählung auf isolierten Computern überprüfen. Dies entspricht der Nachzählung in der physischen Welt. E-Voting wird damit nachvollziehbar und die Resultate überprüfbar.

Für die Einführung von E-Voting steht und fällt alles mit der entscheidenden Frage: Ist die Bevölkerung bereit, ein Grundvertrauen in diese Überprüfungsmöglichkeiten und die involvierten menschlichen Kontrollinstanzen wie Wahlkommission und unabhängige Fachleute zu haben?